Autonomieaufstellungen – warum, weshalb, wozu? Und was ist da anders?

Das Format der Autonomieaufstellungen wurde von Dr. Ero Langlotz entwickelt. Er nennt diese Aufstellungsform Selbst-Integrationsaufstellungen und hat diesen Begriff sich rechtlich schützen lassen. In den letzten zwei Jahren habe ich immer mehr Interventionen von Dr. Langlotz übernommen, da sie sich in der Aufstellungspraxis sehr bewährt haben. Ich nehme an einer Fortbildungsreihe bei Dr. Langlotz teil – für meine eigene Entwicklung und für die Weiterentwicklung meiner Arbeit. Hier erkläre ich kurz die guten Gründe für dieses Format, gehe etwas auf den Inhalt ein und beschreibe Ihren Gewinn den Sie mit Hilfe dieses Aufstellungsformates erleben können. Zum Schluss gehe ich auf die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zur Gewaltfreien Kommunikation ein.


Eine Autonomieaufstellung bewirkt, dass wir uns selbst, klarer und deutlicher abgrenzen können!

Und das ohne schlechtes Gewissen und Schuldgefühle. Die Fähigkeit zur Abgrenzung ist eine zentrale Fähigkeit, um selbstbestimmt leben zu können!

Ohne diese Fähigkeit sind wir mit unserer Aufmerksamkeit mehr bei anderen (Eltern, Partner, Kollegen, Kinder, mit denen wir es gerade zu tun haben). Fragen, wie „Was erwarten sie?, was denkt sie über mich?, wie wirke ich auf ihn?, was soll ich tun?, kann ich mich hier sicher fühlen?, bin ich ihm gewachsen?“ sind sofort da und oft unbewusst.

Mit dieser Fähigkeit, geben wir uns selbst eine innere Sicherheit. Wir stehen zu uns selbst! Die Sprachlosigkeit in Konfliktsituationen, wo dann viel später die tollen Ideen kommen, was man hätte sagen können, verliert sich.

Wir müssen nicht über andere bestimmen, noch lassen wir über uns bestimmen. Neues oder gar Fremdes macht nicht Angst, vielleicht etwas vorsichtig, doch auch sehr neugierig. Denn wir wissen tief in uns, wenn es erforderlich ist, kann ich mich sicher schützen und abgrenzen.

In einer Autonomieaufstellung kommen wir mit uns selbst, mit unserem unendlichen Wert, unserer eigenen inneren Wahrheit und Kraft in Verbindung. Dies löst eine tiefe Entspannung und Selbstvertrauen aus. Eine natürliche Lebensfreude wird zum Grundgefühl im eigenen Leben.


Auswirkungen familiärer, persönlicher und gesellschaftlicher Traumata

In unserer Kindheit war auf Grund der Traumata von Eltern, Geschwister, unserer gesamten Gesellschaft und auch durch selbsterlebte Gewalt-, Verlassenheits- oder Verlusttraumata eine Abgrenzung nicht möglich. Wir waren einem riesigen Anpassungsdruck ausgesetzt und mussten, um überleben zu können, uns dies verbieten. So haben wir uns teilweise aufgegeben und Verantwortung für das Wohl anderer übernommen. Die in uns angelegte Fähigkeiten zur Selbstfürsorge und Selbstbestimmung sowie unsere unermesslichen Potentiale konnten wir nicht voll herausbilden.


Die Suche nach uns Selbst

Heute merken wir das an chronischer Anspannung, Unsicherheit, Leben auf Sparflamme, Burnout, Depression, unterschwelliger Aggressivität, Machtansprüche, Zwanghaftigkeit, Einsamkeit, Unentschlossenheit. Wir sind nicht mehr mit uns Selbst, mit unserem wahren, wunderbaren Wesen verbunden, sondern suchen es in äußeren Dingen, in anderen Menschen, an fernen Orten, in Büchern, durch Statussymbole, in einem übermäßigen Genuss, in tollen Erlebnissen, um die Einsamkeit oder die Unruhe weniger zu spüren. Wir sind uns selbst fremd geworden, oft ohne zu wissen, wie es ist, in uns selbst zu Hause zu sein. Manche von uns warten und warten, und hoffen, dass irgendetwas im Außen sich verändert, um dann glücklich sein zu können. Doch es passiert nicht. Oder, wenn doch, ist das Glück nur von kurzer Dauer. Denn unser wahres Selbst ist durch nichts ersetzbar. Alle Versuche es im Außen zu finden, führen tragischer Weise zur weiteren Selbstentfremdung.

 

Die Rückgewinnung unserer Autonomie – unseres wahren Selbst!

Eine Autonomieaufstellung macht diese Dynamik deutlich. Es steht nicht mehr die Familie mit ihren ungelösten Traumata im Vordergrund, sondern unsere „Herauslösung“ aus diesen Ereignissen, so dass sie uns heute nicht mehr blockieren, selbstbestimmt und gesund leben zu können. Wir lassen diese Ereignisse bewusst vorbei sein – entlassen sie aus unserem Körper, unserer Seele und unserem Geist. Wir entlassen sie nicht nur – nein, in einer Autonomieaufstellung werden Sie selbst diese regelrecht hinaus transportieren! Dazu gehören auch Glaubensätze und alles Fremdes, was den Blick für Ihre eigene Lebensquelle versperrt, stellen Sie heraus und verabschieden Sie aktiv. Die Ausrichtung auf andere wird anschließend bis auf ein gesundes Minimum vorbei sein. Diese Veränderungen werden Sie sofort durch eine tiefe Erleichterung und Präsenz in sich selbst spüren!

Anschließend können Sie sich dem Vertreter / der Vertreterin für Ihr wahres und erwachsenen Selbst zuwenden. Während der Aufstellung wurde durch den Abstand von ihr auch der Abstand und damit die persönliche Entfremdung deutlich. In der Aufstellung nun die greifbare Möglichkeit zu haben, sich selbst zu begegnen, wie in einem Spiegel zu sehen und sich zu spüren, ist für viele sehr berührend! Zu erleben, wie kraftvoll, wunderschön und klar man eigentlich ist, erweckst Zuversicht und Lebensfreude in uns! Ich lade Sie ein, diese Erfahrung selbst zu machen. Denn das ist nicht vorherzusagen, wie Sie diese individuelle Begegnung mit sich selbst erleben werden. Auch das Kindheits-Selbst kann mit aufgestellt werden und so kann das Kind, das ja immer noch in uns ist, sich endlich willkommen, geborgen und beschützt erleben und sich endlich tief entspannen!

 

Verantwortung für uns Selbst statt für andere

In sich selbst zu Hause zu sein, das Sagen für das eigene Leben zu haben, bedingt auch, dass wir nicht versuchen, anderen zu sagen, wie sie sein sollten (auch nicht in Gedanken!). In unserer Kindheit war es oft überlebenswichtig, die Not unserer Familienangehörigen zu spüren und wir versuchten, sie zu retten. Doch damit wurde auch für später die Einmischung in die inneren Angelegenheiten anderer fest vorprogrammiert. In einer Aufstellung machen wir dies sehr konkret bewusst und Sie lösen sich Schritt für Schritt aus dieser Verantwortungsübernahme für andere. Sie erleben, wie befreiend für alle Seiten es ist, zu allererst für sich selbst verantwortlich zu sein. Sie selbst sind für sich der wichtigste Mensch auf dieser Welt!


Die Verbindung mit einer gesunden Aggression

Selbstschutz und Selbstbestimmung sind nur durch Abgrenzung möglich. Hierzu brauchen wir den angstfreien Zugang zu einer jeweils angemessenen, gesunden Aggression. Doch wer sich als Kind erlaubt hatte, gegenüber Erwachsenen Stopp zu sagen oder gar wütend zu sein, wenn sie grenzüberschreitend, schwach oder unehrlich waren, brachte sich dadurch in der Regel in große Gefahr. So mussten wir als Kinder lernen, Widerspruch bis Wut uns reflexartig zu verbieten oder zumindest stark im Zaum zu halten. Brav und gehorsam sein und die, von den Erwachsenen erwünschten Leistungen zu erbringen, waren gefragte Werte.

Im Erwachsenalter merken wir dies, an einer gewissen Sprachlosigkeit in Konfliktsituationen, Überempfindlichkeit, ein Leben auf Sparflamme, oder wir halten lange aus und dann kommt es zu einer überschüssigen Aggression (Überabgrenzung).

Mit Hilfe einer Autonomieaufstellung ist Schluss damit. Die Abgrenzung gegenüber wichtigen Personen und auch gegenüber der Vergangenheit können Sie neu und mit aller Deutlichkeit einüben und damit das Abgrenzungsverbot in Ihrem neuronalen Netzwerk überschreiben! Der Gewinn ist eine spürbare Zunahme an Vitalität. Sie wissen nun, dass Sie sich abgrenzen und schützen können – Sie haben das Recht dazu und erleben, dass Sie auch den Mut und die Kraft dazu in sich haben! Das bewirkt eine oft nie gekannte Selbstsicherheit und Zuversicht.

 

Die Zustimmung zum eigenen Schicksal

Es ist eine alte Weisheit, dass nur durch ein Ja zum Leben, wie es war und ist, wir das Leben meistern können. Vorwürfe, Anklagen und auch Schönreden schwächen uns. Wir leiden dann nicht auf Grund der schlimmen Ereignisse, die ja vorbei sind, sondern auf Grund der Trennung von uns Selbst. Wir tun uns selbst leid (an).

Durch die Zustimmung erfahren wir ungeahnte Kräfte, die es uns ermöglichen unser Schicksal, so wie es war und im Augenblick ist, zu tragen. Wir können etwas leisten, was wir ohne dieses konkrete Schicksal nicht könnten. Mitunter können wir das bei Menschen beobachten, die Schweres erlebt haben und doch eine Kraft und wohltuende Heiterkeit ausstrahlen.

Diese Zustimmung gelingt jedoch nur, wenn sie mit ganzer Seele erfolgt. Eine reine kognitive Zustimmung reicht nicht aus, wir sind weiter blockiert. In einer Autonomieaufstellung können wir das sehen, es bewusst annehmen, verabschieden und vorbei sein lassen. Der Blick für das heutige und zukünftige Leben ist nun frei.

 

Gewaltfreien Kommunikation und Autonomieaufstellungen – Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Ergänzungen

Das Ziel der Gewaltfreien Kommunikation nach M. Rosenberg ist, mit Hilfe einer authentischen und wertschätzenden Kommunikation unsere Beziehungen so gestalten, dass es uns selbst und anderen gut geht. Die GFK ist kein Modell, um gezielt alte Wunden, Verstrickungen und Identifizierungen sichtbar zu machen und aufzulösen.

Auch wenn es in Vertiefungsseminaren der GFK inzwischen viele Techniken und Übungen gibt, Selbstheilung zu vertiefen, Glaubensätze aufzulösen, die Fähigkeit klar nein zu sagen und unsere Selbstbehauptung zu trainieren, erreichen diese Übungen nach meiner Erfahrung nicht die Tiefe und die Wirkung einer Autonomieaufstellung.

Die GFK, wie auch die Autonomieaufstellungen sind beides Wege zu sich selbst, zu einer inneren Klarheit und Freiheit. Doch ich kenne keine wirkungsvollere Strategie, um Selbstempathie in Form von Selbstannahme, Selbstliebe, Selbstwertschätzung und Selbstbehauptung zu erleben und zu trainieren, wie es in einer Autonomieaufstellung praktiziert wird.

Die Empathie für andere, die in der GFK eine große Rolle spielt und geübt wird, ist nicht im Fokus einer Autonomieaufstellung. Hier ist die Achtung des anderen, genauso wie er ist, wichtig. Hier geht es um Anerkennung und um Abgrenzung, als Voraussetzung für ein Miteinander auf Augenhöhe. Hier vertiefen wir gezielt unsere innere Haltung, die auch für die GFK Grundlage ist.  

Die Stärken der GFK sind sehr vielseitig. Sie bietet uns eine Menge an Kommunikationswerkzeugen, die natürlich nur nützlich sind, wenn wir bei uns selbst, in einer inneren Haltung von Wertschätzung sind und uns im Gebrauch dieser Werkzeuge üben. Diese Kommunikationswerkzeuge werden in einer Autonomieaufstellung nicht vermittelt.

Unsere Sprache ist oft verletzend. Die GFK hilft uns, dies zu erkennen und sinnvoll zu verändern. Sie hilft uns mit unseren Gefühlen und Bedürfnissen in Verbindung zu kommen und klare Bitten zu äußern.

Die GFK ist tatsächlich ein wunderbarer Weg zu uns selbst und eine geniale Hilfe für die praktische Gestaltung unserer Beziehungen im Alltag. Bevor ich hier ins Schwärmen komme, verweise ich auf meinen Artikel „Warum ich von der GFK begeistert bin“.

Doch die GFK erfordert viel, viel Übung und wir kommen mitunter bei der Umsetzung an unsere persönlichen Grenzen. Zum Einen, wenn uns noch Erfahrungen, Wissen und Übung fehlt und wenn sich alte Wunden (Traumata) melden. Dann sind wir durch den nicht geheilten Schmerz in der heutigen Situation blockiert. Hier setzt die Stärke der Autonomieaufstellung, wie oben beschrieben, ein! Oft ist es nicht mit einer Aufstellung getan. Vielleicht braucht es 2 bis 5 Aufstellungen. Doch es wird von Aufstellung zu Aufstellung leichter und klarer, als würden wir jedes Mal etwas mehr fremdes Gepäck abgeben und Lebensströme in uns freisetzen. Aufstellungen können viele GFK-Trainings und Übungsstunden ersparen!

Deswegen liebe und schätze ich beide Wege. Sie unterstützen und ergänzen sich gegenseitig auf wunderbarer Weise!