Das Modell der Gewaltfreien Kommunikation

"Was ich in meinem Leben will, ist Einfühlsamkeit, ein Fluss zwischen mir und anderen, der auf gegenseitigem Geben von Herzen beruht." M.B. Rosenberg

Die Gewaltfreie Kommunikation schafft sowohl ein Bewusstsein für die Irrwege in unserem Denken als auch für einen Weg, der uns hilft, unser menschliches Wesen zu entfalten. Damit dies immer mehr zu einem Selbstverständnis wird, will uns das Modell wie ein Geländer helfen, in diese Klarheit zu kommen. Wenn wir die 4 Schritte des Modells lediglich mechanisch anwenden, ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass das Gegenteil von dem, was wir uns wünschen passiert. Statt Verständnis und Verbindung kommt es zu weiteren Mißverständnissen und Vorwürfen und ich habe statt weniger plötzlich mehr Probleme. Doch lassen Sie sich davon nicht abschrecken - Kommunikation ist eine Kunst, die erforscht und gelernt sein will!

Die ersten vier Schritte zum Ziel beschreiben den Prozess der Selbsteinfühlung, Selbstklärung und Selbstmitteilung:

1. Schritt: Beobachten, Sehen, Hören, ... 

Ich konzentriere mich auf das, was ich mit meinen Sinnen wahrnehmen kann, möglichst frei von Bewertungen, Interpretationen und Verallgemeinerungen. Ich mache also nach Möglichkeit nichts hinzu, also keine Unterstellungen und lasse auch nichts Wesentliches weg. Meine "Beobachtungen" gleiche ich mit den "Beobachtungen" meines Gegenübers ab, statt meine Sichtweise dem anderen aufzuzwingen und dür die alleinige Wahrheit zu halten, die der andere anerkennen sollte. Dadurch gewährleiste ich eine Haltung von Augenhöhe, Respekt und Wertschätzung. Zusätzlich vermeide ich, dass ich mich mit meiner Sichtweise verrenne. Ich bleibe offen für Korrekturen und Ergänzungen durch andere. So kann ich auch durch andere dazulernen.

Gleichzeitig lerne ich auch, mich vor den Unterstellungen und Abwertungen anderer zu schützen und abzugrenzen. Doch nicht durch Rechtfertigungen und gegenteilige Behauptungen, sondern indem ich mich unbeirrbar auf die Fakten konzentriere. Das will gelernt sein. Gelingt dies, kommt es bereits zur Deeskalation, Entspannung und Verbindung.

 

2. Schritt: Fühlen

Ich richte meine Aufmerksamkeit auf meine Gefühle, die durch die Situation in mir ausgelöst werden. Dabei unterscheide ich diese Gefühle, von Gefühlen wie Wut, Ärger, Scham und Schuld, die mich darauf hinweisen, dass ich Beobachtungen mit Bewertungen vermischt habe und dabei bin, mich zu verlieren. Auch Gefühls-bezeichnungen, die mit dem Verhalten oder der Bewertung anderer verbunden sind, wie z.B. „ich fühle mich abgelehnt“,  „ich fühle, dass das Mist ist“ sind keine Gefühle, sondern indirekte Vorwürfe. In diesem Fall konzentriere ich  mich stärker auf die objektive Wahrnehmung der Situation und der Gefühle, die in mir ausgelöst werden und finde so wieder zu mir. 

3. Schritt: Brauchen

Unsere Gefühle sind der Weg zu unseren Bedürfnissen. Bei diesem Schritt angekommen, unterscheide ich meine Bedürfnisse von Strategien zur Erfüllung der Bedürfnisse. Bedürfnisse sind universell und verbinden uns mit einander. Jeder von uns braucht  Sicherheit, Mitgefühl, Gemeinschaft, Raum für sich,.... Bedürfnisse erkenne ich daran, dass sie keine bestimmte Form haben. Gebe ich einem Bedürfnis eine konkrete Form, ist es schon eine Strategie (so ist arbeiten, um Geld zu verdienen, eine Strategie für Bedürfnisse nach Nahrung, Sicherheit, Beweglichkeit,...) Bin ich mit meinem Bedürfnissen in Kontakt, erkenne ich das daran, dass sich das sehr kraftvoll und klar anfühlt. Ich weiß worum es mir geht, was ich will und mir wichtig ist, ohne schon festgelegt zu sein (Strategie) wie diese Bedürfnisse erfüllt werden müssen. 

4. Schritt: Bitten

Auch hier wird wieder unsere innere Haltung erkennbar. In der Haltung einer Bitte achte ich das Nein des anderen. Ich bleibe wertschätzend und offen für eine gemeinsame Lösung. In der Haltung der Forderung, versuche ich anderen meine Strategien aufzuzwingen. Das macht der andere zu Recht nicht mit und es kommt zum Konflikt. Sagt der andere zwar Ja, denkt jedoch Nein, hat er einen inneren Konflikt, gerät in Stress, es entsteht eine unterschwellige Anspannung, die Bitte wird oft nur halbherzig erfüllt und das Ja wird früher oder später wieder rückgängig gemacht.

In der GFK kennen wir zwei Arten von Bitten. Sie kennen diese auch aus Ihrem Alltag. Vielleicht haben Sie nur nicht bewusst diese Unterschiede gemacht.

Beziehungsbitten

Unsere Beziehung zueinander hat immer Vorrang vor der gemeinsamen Lösung von Aufgaben und Problemen. Ist unsere Beziehung angespannt oder gestört, ist das oft ein Hinweis, dass sich Missverständnisse eingestellt haben, was oft die Folge hat, dass auch das gegenseitige Vertrauen, die Offenheit und Wertschätzung für einander zu kurz kommen. Doch mit Missverständnissen und ohne Vertrauen und Offenheit für einander kommen wir nicht weit, wird das Miteinander anstrengend.

Deshalb sind Beziehungsbitten hilfreich: Bitte sag mir, was bei dir angekommen ist.  Was hast du verstanden?  Auch hier geht es, wie beim ersten Schritt des Modells, um den Abgleich von Fakten, um Missverständnisse zu vermeiden. Habe auch ich sie tatsächlich so verstanden, wie es ihr wichtig ist? Oder habe ich etwas Wichtiges überhört, missverstanden oder etwas Eigenes hineininterpretiert? Auch hier kann ich meinem Gegenüber eine Rückmeldung geben und ihn bitten, mir zuzuhören.

Zusätzlich ist es für eine entspannte Verbindung wichtig, auf die Gefühle und Bedürfnisse des anderen einzugehen. Besonders dann, wenn sich Mimik, Gestik und Stimme Signale des Widerstandes ausdrücken und ich mir selbst unsicher bin: "Bitte sage mir, wie es dir damit geht? Passt das für dich? Kann es sein, dass für dich dabei etwas zu kurz kommt? Was genau?
Das sollen nur ein paar Beispiele sein. In der GFK geht es nie um staare, wörtliche Vorgaben.

Lösungsbitten

Ist unsere Beziehung zu einander entspannt und offen, können wir gemeinsam unsere Energien kreativ für Lösungen einsetzen. Dabei erweist es sich wieder als hilfreich, wenn meine Bitte möglichst konkret formuliert ist, der andere den Sinn erkennen kann, sie realisierbar und natürlich auch verhandelbar ist. Ist sie nicht verhandelbar, ist es eine Forderung.

      "Wer keine Bitte äußert, nimmt seinen Platz in dieser Welt nicht ein. Wer eine Forderung äußert, gewährt anderen ihren Platz nicht."  M.B.  Rosenberg

 

 

Die nächsten 4 Schritte zum Ziel

beschreiben die Schritte zur Einfühlung in die Bedürfnisse anderer. Denn das Ziel der GFK ist es, dass ich eine Verbindung zu meinen Beürfnissen und zu den Bedürfnissen meines Gegenübers herstelle. Denn die Erfüllung meiner Bedürfnisse, ohne die Beachtung der Bedürfnisse anderer, erweist sich früher oder später als Sackgasse.

Auch dieser Prozess geschieht in den 4 Schritten:

  1. Was beobachtest du?
  2. Was fühlst du in dieser Situation?
  3. Was brauchst du?
  4. Worum bittest du?

Der Prozess ist beendet, wenn es uns in der Beziehung zueinander und in der Erfüllung unserer individuellen Bedürfnisse ausreichend gut geht.


Die Alltagstauglichkeit der GFK

Die Alltagstauglichkeit, das eigentliche Potential ist auf dem Blick durch die 4 Schritte vielleicht nicht gleich zu erkennen. Die Vorstellung, nach diesem 4 Schritten kommunizieren zu müssen, löst zu Recht Widerstand aus. "Das klingt zu befremdlich und theoretisch - brrrrr - schüttel, schüttel. So spricht doch niemand! Was soll das denn jetzt? Willst du mich therapieren? Warst du mal wieder auf ein Seminar? Solche oder ähnliche Erfahrungen machen viele GFK-Anfänger. Doch mit der Zeit wird es klarer, worum es geht, wie beim Erlernen einer neuen Sprache oder eines Musikinstrumentes. Schließlich bewirkt die GFK echte Wunder.


Um das Potential der GFK zu erkennen und zu nutzen, braucht es Übung

Erst hier, werden die Feinheiten und Unterschiede bei der Umsetzung bewusst. Jetzt wird es lebendig! Jetzt kommen nacheinander die Aha-Erlebnisse. Wann und in welcher Situation ist genau welcher Schritt zuerst dran? Wann zuerst Selbstempathie? - Wann zuerst Empathie für den anderen? Was ist gesunde Aggression und was schädigende? Was sind meine Kerngefühle und was Scheingefühle? Wozu ist das so wichtig? Wer bin ich eigentlich selbst und was sind alles meine wirklichen Bedürfnisse? Wieso ist es unbedingt wichtig, Bedürfnisse von Strategien unterscheiden zu können? Was ist der Unterschied zwischen einer Bitte und einer Forderung? Was zwischen Konsequenz und Bestrafung? Wie mache ich Stopp, grenze ich mich ab, wie sage ich nein, ohne den anderen zu verletzen oder völlig im Regen stehen zu lassen? Was mache ich, wenn andere das mit mir machen? Bin ich gerade in der "richtigen" Haltung? Viele, viele Fragen, die nach und nach, geklärt sein wollen. Doch mit wachsendem Verständnis, wachsen auch unsere Fähigkeiten und Erfolgserlebnisse. Schließlich werden Sie nichts anderes mehr wollen!

Marshall Rosenberg dazu: "Wer einmal die Spielregeln kennt für das Spiel, "Das Leben wunderbar machen", wird das Spiel "Das Leben schwer machen" nicht mehr spielen wollen."

 

Gewaltfreie Kommunikation in Erfurt, in Thüringen, in Deutschland und auf der ganzen Welt
- das ist meine Vision!